Die g'sunde Watschn

Wieso hält sich eigentlich der Mythos der g’sundn Watschn so gut? Manchmal sei es besser einfach mal eine Watschn (Ohrfeige) auszuteilen, man würde sich längere pädagogische Maßnahmen, Besuche beim Psychologen oder zur Abklärung im Krankenhaus ersparen. So einfach wär’s. Zumindest höre ich das von manchen Klienten, Eltern von Jugendlichen, die wegen "Verhaltensauffälligkeiten" an mich verwiesen wurden.

Gesetz und Moral hätten dem etwas entgegenzusetzen höre ich von anderen Menschen. Entsetzen wie man so etwas nur tun könnte. Zwei Lager?

Betrachten wir die g’sunde Watschn doch einfach mal von der psychologischen Seite: Hier gehört die Ohrfeige klar der Kategorie der Bestrafung an. Bestrafung führt laut den klassischen Lerntheorien dazu, dass das man das Verhalten, für welches man bestraft wird, weniger häufig zeigt. Das lässt uns verstehen, warum die Watschn überhaupt einmal erlaubt, ja sogar als Erziehungsmittel vorgeschlagen wurde. Klassische Lerntheorien sind meist an Ratten untersucht worden. Später kam die kognitive Wende, dort würde man sagen können, dass das Verhalten sich nicht aufgrund der Bestrafung, sondern aufgrund der Angst vor der Bestrafung verändert. Die g’sunde Watschn funktioniert also? - Nein würden Sie denken, denn da entsteht Schaden am Kind; Verletzungen sind nicht duldbar? - Moral diskutiere ich diesmal woanders.

Gibt es denn überhaupt ein Problem mit der Watschn aus psychologischer Sicht?

Wenn wir uns die neueren Forschungen ansehen, müssen wir erkennen, dass Angst uns am Lernen hindert oder es zumindest erschwert. Wir lernen nicht wie wir uns verhalten sollen, wir lernen durch Bestrafung lediglich was wir nicht tun sollen. Mittels Bestrafung können wir Menschen erzeugen, die funktionieren, nicht aber Menschen die innovativ, selbstbestimmt oder zivilcouragiert sind. "Aus mir ist auch etwas geworden!" - Ja. Trotzdem, aber bestimmt nicht deshalb. Trotzdem bedeutet, dass wir irgendwann in unserem Lebensweg die Erkenntnis gewonnen haben, dass wir keine Angst haben müssen, das Falsche zu tun.

Angst verändert unser Gehirn langfristig und kann sich auch dann, wenn wir bereits glauben, unsere Angst überwunden zu haben, wieder durch Burnout (wenn Burnout durch die Angst, nicht zu genügen, oder der Angst, den Job zu verlieren oder ähnlichem entstanden ist) oder Depression zeigen. Ein Grund, für seine Kinder einen anderen Erziehungsweg einzuschlagen.

Wer seine Kinder zur Selbständigkeit oder sogar zu autonomen Menschen erziehen will, hat ein weiteres Problem: Unterwirft sich das Kind unserer Strafe, so ist es nicht autonom, ist es aber autonom, so kann es die Bestrafung nicht annehmen. (Vielleicht ist ja dann die g’sunde Watschn diejenige, die das Kind den Eltern zurück gibt, weil es dadurch an Autonomie gewinnt?)

Zu autonomen Menschen erziehen wir unsere Kinder durch Beziehung; dadurch, dass die Kinder wissen, dass das was wir von ihnen wollen, zu ihrer Reifung und ihrem Wachstum beiträgt. Dieses Wissen der Kinder wird ernährt von dem Vertrauen, welches sie uns entgegen bringen. Vertrauen Sie einem Menschen, der mit Strafe droht oder von dem Sie schon mal geschlagen wurden? Wenn ja, wie lange haben Sie dafür gebraucht?

Zum Glück gibt es heute hervorragende Wege, wie wir unsere Kinder durch Beziehung, Vertrauen und Stärke zu wunderbaren Menschen machen können, die sich später entscheiden, autonome und tragfähige Mitglieder in unserer Gesellschaft zu werden. Vielleicht sollte ich darüber auch mal bloggen?

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