Mein Kind ritzt sich - was kann ich tun?

Trauriges Mädchen

Quelle: http://piqs.de/, D. Sharon Pruitt, "Ennui", Copyright: http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/de/deed.de

Stellen Sie sich vor, sie haben soeben erfahren, dass ihr Kind sich ritzt. Ich würde folgende Reaktion vorschlagen:

Ernst nehmen - Druck (und Panik) vermeiden.

Vorerst wissen noch nicht genau, welche Ursachen das Ritzen unseres Kindes hat. Dennoch kann man in beinahe jedem Fall annehmen, dass es versucht damit sein Leid zu mindern. Die Fälle in denen eine Jugendliche oder ein Jugendlicher aus Spaß ritzt soll es wohl geben, viel häufiger ist aber, dass Jugendliche ’Spaß’ als Ausrede formulieren um nicht auf die dahinter liegenden Probleme eingehen zu müssen. Auch kenne ich keine Fälle bei denen Ritzen ausschließlich der Provokation dient.

Ritzen löst bei uns häufig Abscheu und Hilflosigkeit aus. Doch eigentlich können wir Ritzen als eine Art Bewältigungsstrategie für aktuelle Probleme ansehen und als solches auch Wertschätzen.

Ein 13-jähriges Mädchen schilderte den Vorgang so:

Schon in der Früh spüre ich einen inneren Druck, der dann tagsüber in der Schule und Zuhause verstärkt wird, bis er Abends nicht mehr auszuhalten ist. Ich setze mich in mein Bett, hole die Rasierklinge hervor und schneide mit der rechten Hand den linken Unterarm von links nach rechts mehrmals, also 5-10 mal ein. Ich beobachte das Blut, das warm den Arm hinunter läuft. So kann der Druck entweichen und ich spüre, dass ich noch lebe.

Damit löst es ein Problem. Ihm nun zu sagen, es solle sofort damit aufhören würde bedeuten, ihm auch noch diese letzte Lösungsmöglichkeit zu nehmen. Den inneren Druck des Kindes würden wir verstärken, würden wir uns Selbstvorwürfe machen: "Was haben wir/habe ich in der Erziehung falsch gemacht?". Aussagen wie: "Das Kind macht das nur, weil es das bei Freunden oder in der Schule bei anderen gesehen hat.", wäre eine günstige Ausrede um das Problem von uns Eltern abzuschieben, wenn wir es nicht wahr haben wollen.

Was kann ich als Mutter oder Vater tun?

Wirklich helfen können wir, indem wir unser Kind ernst nehmen. Das bedeutet, dass wir nach einer Verschnaufpause mitteilen, dass wir sehen, dass es leidet und dass wir helfen werden. Eine innere Haltung könnte sein: "Du ritzt, also hast du Sorgen, deshalb werde ich alles in meiner Macht stehende tun um dir zu helfen." Ich könnte auch die Botschaft senden: "Gut, dass du geritzt hast, jetzt sehe ich wie es dir geht und gemeinsam werden wir die Probleme bewältigen.", wobei als Probleme natürlich nicht das Ritzen sondern die Ursachen für den inneren Druck gemeint sind. Dabei bin ich offen dafür, dass auch meine Beziehung zu meinem Kind eine er Ursachen sein könnte.

Häufig ist, dass das Kind zu diesem Zeitpunkt noch nicht vom Ritzen ablassen möchte, würde es das tun, so würde ihm jegliche Grundlage für ein bisschen innere Stabilität fehlen. Darüber würde ich mir im Moment keine besonderen Gedanken machen, es sei denn, das Kind äußert Selbstmordabsichten oder hat sich ungeschickt nahe an wichtige Blutgefäße heran gewagt.

Wie geht’s nun weiter?

Der nächste Schritt wäre in jedem Fall, Fachkräfte (Ärzte, klinische Psychologen, Psychotherapeuten oder Psychiater) heran zu ziehen. Diese Personen sind ausgebildet, das tatsächliche Ausmaß des Problems abzuschätzen und werden notwendige Maßnahmen vorschlagen.

Wird das Ritzen rasch, innerhalb der ersten Monate erkannt, so können bereits 5-7 Sitzungen beim klin. Psychologen oder Psychotherapeuten (wünschenswert: mit besonderer Erfahrung im Kinder und Jugendbereich) ausreichend sein. Je nach Risikofaktoren kann die Betreuung durch Fachpersonal verlängert werden, bis hin zu einem stationären Aufenthalt in der Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Was beim Psychologen genau geschieht richtet sich nach den Details der Problematik. Es können Möglichkeiten im Umgang mit dem inneren Druck erarbeitet, Möglichkeiten zur Reduktion der Auslöser in deren Stärke oder Anzahl gefunden oder die Schlagkraft der Auslöser durch den Aufbau innerer Stärke verringert werden.

Je nach Sachlage muss etwas ausgeholt werden, das kann vom Erlernen eines Vokabulars zum Ausdrücken und Strukturieren der inneren Zustände bis hin zu Verbesserungs- und Stabilisierungsmaßnahmen innerfamiliärer Beziehungen reichen. Manchmal wäre auch das Arbeiten am Umfeld Schule erwünscht, wird aber leider von den Fachleuten häufig nicht geleistet.

Prognose

Schwierige Fälle ausgenommen, gehen Jugendliche gestärkt aus der Krise und entscheiden sich, andere Methoden als das Ritzen zum Bewältigen weiterer problematischer Ereignisse zu verwenden. Jugendliche selbst berichten von einem besseren Selbstwertgefühl und einer verbesserten Lebensqualität im Alltag.

Dieser Artikel ist  
Nach oben